Radioballett


Übung in nichtbestimmungsgemäßem Verweilen. 


Das Radioballett ist eine Übung in öffentlichem Radiohören. Über den Raum zerstreut führen RadiohörerInnen den Stimmen aus dem Radio folgend gleichzeitig dieselben Gesten aus. Ziel der Performance ist es, massenhaft Gesten und Alltagspraktiken an einen Ort zurückzubringen, aus dem sie durch die Privatisierung und der damit einher­ge­henden Kontrolle verdrängt wurden. Das erste Radioballett fand am 5.Mai 2002 im Hamburger Hauptbahnhof statt. Ein zweites am 20. Juni 2003 im Leipziger Haupt­bahnhof. Dort folgten ca. 500 TeilnehmerInnen der Einladung zum öffentlichen Radiohören. 

Die Radiosendung schlägt eine von Reflektionen unterbrochene Choreographie vor, mit der die Grauzone zwischen "erlaubten" und "verbotenen" Gesten erforscht wird - wie z. B. zwischen der Geste, die Hand zu reichen und der Geste, die Hand aufzu­halten. Der kleine Unterschied in der Haltung der Hand ist in kontrollierten Räumen wie den Bahnhöfen von großer Bedeu­tung, entscheidet er doch darüber, ob man in ihnen verweilen darf oder vor die Tür verwiesen wird. Für die eineinhalb Stunden der Performance verwandelte sich der Bahnhof in einen unheimlichen Raum, der sich dem von der Hausordnung Verdrängten öffnete. Durch die über den ganzen Raum verteilten TeilnehmerInnen des Radioballetts erhielt dieses Verdrängte Einzug in gespenstischer Form, als gleichzeitig agierender, aber zerstreuter Masse, die dem alltäglichen Treiben des Ortes fremd blieb. In der Performance ging es weniger dar­um, Bewußtsein für die alltägliche Ausgrenzungspraxis der Bahn bei unbeteiligten PassantInnen zu wecken. Vielmehr war es ihr Anliegen, real in den Ort einzugreifen, indem sie etwas durchführte, das sich seiner Ordnung entzieht. Gleichzeitig erprobt das Radioballett eine neue Form der politischen Aktion im kontrollierten öffentlichen Raum: die Intervention durch die freie Assoziation der zerstreuten RadiohörerInnen.

"Müßiggang ist eine verbotene Praxis in einer Gesellschaft, die alle Gesten kapitalisiert. Die Kontrolle, die in unserer Gesellschaft zur Normalität zu werden droht, schließt abweichendes Verhalten aus: Langeweile ist abweichendes Verhalten. 'Langeweile haben wir, wenn wir nicht wissen, worauf wir warten.' Die Teilnehmer des Radioballetts üben sich in Langeweile."  

(Fotos: Eiko Grimberg)